Darum Open Source.

Eine der Fragen, die im Zusammenhang mit von mir eingesetzten Systemen öfter gestellt werden, ist die nach der Lizenz. Dabei geht es nicht nur um Kosten, sondern auch um Freiheit.

Neulich war es wieder so weit: Ein Kunde fragte nach den Lizenzkosten für eine von mir implementierte Nextcloud-Instanz. Gleichzeitig bat er darum, das Logo des verwendeten Content-Management-Systems (Contao) aus dem Backend zu entfernen, um dort das eigene Firmenlogo einzubinden.

Man kann diese Fragen stellen. Ich kann für den Kunden auch die gewünschten Anpassungen vornehmen. Allerdings muss ich zugeben, dass mich beide Fragen, nachdem ich seit gefühlten zwei Jahrzehnten so gut wie ausschliesslich Open Source einsetze und mich dabei immer darum bemühe, Informationen über die eingesetzten Technologien zu vermitteln, ein wenig konsterniert haben.

Denn die Frage nach der Lizenz ist ja wichtig, und die Unterschiede zu Closed Source sind fundamental. Wir — damit meine ich einen Grossteil meiner Kolleginnen und Kollegen, die im Web und für das Web arbeiten — setzen nämlich im Regelfall immer mindestens eine Open Source-Komponente ein. Wenn wir mit server- oder browserseitigen Scriptsprachen arbeiten, dann führt der Weg an PHP, Javascript oder auch Ruby nur unter Schmerzen an freier Software vorbei. Genauso ist das beim Betrieb von Webservern, wo es ebenfalls nur wenige sinnvolle Alternativen zu Apache, Nginx oder Lightpd gibt. Das Netz ist nur durch Open Source lebendig.

Anscheinend Monokultur  -  oder: Man muss schon hinsehen um die guten Dinge finden zu können

Trotzdem kommt bei Kunden nur wenig davon an. Der Grund ist einfach: Auf dem Desktop, am Arbeitsplatz des ‘normalen’ Nutzers, dominiert ganz klar Closed Source. Betriebssysteme kommen ‚normalerweise’ von Microsoft und Apple, die Büroaufgaben werden mit ‚dem Office‘ oder manchmal auch mit iWorks ausgeführt. Auf Mobilgeräten ist das oft ebenso, und dass die Basis von Android ein System mit offenem Quellcode ist, das wird meistens hinter manchmal schicken, aber oft auch unnützen Oberflächen der Hersteller versteckt.

Gibt es eine Aufgabe oder eine Problemstellung, dann wird meistens ein Programm oder eine App gekauft. Kaufen oder Mieten von Closed Source ist für diese Benutzerinnen und Benutzer der Normalfall. Man kauft eine Lizenz für das Office (wenn es gut läuft), man mietet das Grafikprogramm, und man speichert seine gesamten Daten möglicherweise auf einem fremden Server, indem man Cloudspeicher von Amazon, Dropbox, Google oder Microsoft anmietet. Wenn man im Web unterwegs ist, dann kommt der Browser vom Hersteller des Betriebssystems oder vom Suchmaschinen-Anbieter. Kostet halt nichts (ist das wirklich so?), war schon immer so, und Alternativen sind nicht bekannt.

In den Wind geredet?

In diesem Umfeld setze ich Open Source ein, werbe dafür, stelle Vorteile vor. Was mir dabei immer wieder begegnet ist die Fassungslosigkeit von Kundinnen und Kunden, dass es Software gibt, die frei ist und keine Lizenzgebühren kostet. Weit hinter dem Horizont schimmern dann die Fragen auf: 

  • Macht mir niemand Vorschriften, wie ich diese Software einsetze und wo ich sie installiere? 
  • Darf ich sie ohne Mehrkosten tatsächlich auf so vielen Maschinen installieren wie ich möchte? 
  • Werden Probleme tatsächlich oft schneller gelöst als bei Kaufprodukten? 
  • Und eine Software, die ich an meine Bedürfnisse anpassen kann — kann es sowas tatsächlich geben, ohne dass ich einen tausende Euro schweren Beratervertrag mit einem Systemhaus abschliessen muss? Und man die gleiche Summe zahlt, um seine Daten auch wieder zurück zu bekommen?
  • Ja, und dann natürlich: Ist das denn sicher, wenn jede und jeder den Quelltext lesen kann?

Für diese Kundinnen und Kunden kommt Software gleich hinter Raketentechnik. Das Ihnen jemand ein Produkt nicht verkaufen möchte, das scheint in ihrem Leben bisher noch nie vorgekommen zu sein. Das scheint jeder Konditionierung zu widersprechen, die sie im Spätkapitalismus des 21. Jahrhunderts erfahren haben. Und überhaupt — irgendjemand muss das doch bezahlen. Das kann doch gar nicht sein.

So ungefähr lauten die Sätze, die ich höre, wenn ich mich mit Entscheiderinnen und Anwendern, Betriebswirtschaftlerinnen und Sachbearbeitern unterhalte. Den meisten von ihnen ist ja noch nicht einmal bewusst, dass es Alternativen gibt.

Frei wie in „Freiheit".

Die Information darüber, dass es Open Source-Anwendungen gibt und warum wir sie einsetzen, muss also ein ganz zentraler Aspekt meiner Arbeit sein (und ist es auch). Dazu zählt auch der Vorteil, der dem Kunden und der Kundin den grössten Profit bringt: Dass keine Daten eingesperrt werden, dass man seine eigenen Daten einfach nehmen und dorthin tragen kann, wohin es einem passt. Dass offene Software im Regelfall auch offene Schnittstellen hat, mit der Daten ausgetauscht und sortiert werden können, und dass offene Software es ermöglicht, fehlende Schnittstellen auch hinzuzufügen.

Der immer zuerst nachgefragte Aspekt der Kosten kann dabei nicht wirklich das Entscheidungskriterium für die Implementierung einer Softwarelösung sein. Wer sagt, dass Open Source nichts kostet, der sagt die Unwahrheit. Die Lizenz kann umsonst sein, aber die Implementierungskosten sind genau so vorhanden wie bei der Installation und Konfiguration beispielsweise eines Windows-Servers, einer Datenbank, eines CRM-Systems.

Bei diesen Dienstleistungen hinterfragt auch niemand die Stundensätze von Berater*innen, Softwareingeneur*innen, Webentwickler*innen. Sie werden bezahlt, weil es eben Geld kostet, jemanden zu finden, der / die sich aus kennt.

Lizenzkosten jedoch werden regelmässig dann thematisiert, wenn keine anfallen. Das wundert mich nur wenig, denn die meisten verstehen den Wert einer Software über den Preis.

Das ist so falsch wie die Annahme, der Preis eines Brötchens richte sich nach den Kosten für Mehl, Hefe, Wasser, den Backofen und den Arbeitslohn. Er richtet sich danach, was beim Endkunden dafür zu erzielen ist. Punkt. Die Kosten der Rohstoffe richten sich ja auch danach.

Aktiv kommunizieren!

Bevor konkrete Lösungen ins Auge gefasst werden sollten wir — und damit meine ich mich genauso wie alle Kolleg*innen, die im Web arbeiten — immer die Aufgabenstellung so genau wie möglich analysieren. Wie sind Workflows strukturiert? Welche Aufgaben müssen von einem System unterstützt oder erledigt werden? Wie ist die Infrastruktur — hetero- oder homogen? Welche Daten gibt es, welcher Art sind sie, und wie sollen sie fliessen?

Oft mangelt es also an Information. Welche Systeme gibt es, welche Features bieten sie, was sind die Vorteile? Dabei habe ich kein Problem damit, Open Source mit Closed Source zu vergleichen. Es gilt, das beste System für die Aufgabenstellung zu finden.

Die Aspekte dabei sind — neben Umfang der Aufgabe — auch die Frage der Portabilität, des Vorhandenseins von APIs, die Möglichkeit, Daten weiter zu verarbeiten. Meiner Erfahrung nach punkten an dieser Stelle vor allem offene Systeme, vor allem Open Source.

Für die Kund*innen ...

Qualität bestimmt sich nicht über Lizenzkosten oder Abogebühren. Bestehen Sie auf Open Source, damit Ihre Entwickler*innen Lösungen finden, die zum Problem passen.

Kostet nix ist kein Makel. Open Source ist ein Gewinn. Immer.

Also: Lasst das Logo drin, und unterstützt die Open Source-Community.

Für alle.

Quelloffene Software kann dann zu einem strahlenden Stern in der digitalisierten Welt werden, wenn wir mit Stolz und guten Argumenten dafür einstehen. Und wenn wir verstehen, dass ohne Freiheit alles andere nichts ist.

Lasst uns beginnen.

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